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Alexander Pfeiffer – Im Bauch der Stadt (Wiesbaden-Krimi)
Societäts-Verlag, Frankfurt 2005
ISBN 3-7973-0931-7, 14,80 Euro


Sechs Tage und Nächte im Leben des Wiesbadener Taxifahrers Matthias Groß: Er hat sich eigentlich längst vom Leben verabschiedet und seine einzige Leidenschaft ist die Passivität. Doch dann trifft er auf die zusammengeschlagene Prostituierte Martina und nimmt sie in seine Wohnung auf. Die beiden kommen sich näher und Matthias Groß beschließt, in einem Spiel von Gewalt, Erpressung und Bestechung mitzumischen. Die Spuren führen bis in die Hessische Staatskanzlei. Er glaubt schließlich, alle Zusammenhänge zu kennen – eine bittere Täuschung.


„Im Bauch der Stadt ist ein melancholisch-abgeklärter Krimi, und Wiesbaden flimmert darin wie in einem film noir."

„In seinem Kriminalroman ‚Im Bauch der Stadt entführt Alexander Pfeiffer seine Leser in das Nachtleben der hessischen Landeshauptstadt... Die Geschichte versprüht die düstere Stimmung des harten, desillusionierenden Roman Noir..."
(Frankfurter Rundschau)


„Alexander Pfeiffer, in Wiesbaden bekannt durch Gedichte und Erzählungen, weiß sehr genau, wovon er schreibt."
(Wiesbadener Kurier)

„Der Leser findet sich an vielen Schauplätzen in Wiesbaden wieder und auch die Geschichte schafft einen Realitätsbezug, bei dem man gespannt weiterliest."
(FRITZ/Das Magazin)

„Pfeiffer ist ein guter Beobachter, entsprechend präzise sind seine Beschreibungen des nächtlichen Wiesbadens mit seinen düsteren Seiten."
(Main-Echo)

„Pfeiffer ...erzählt seine Geschichte behutsam, mit einer Langsamkeit, die im Kern Achtung vor seinen Figuren ist... Dessen Ausdrucks-Trefferquote hingegen erreicht der Roman ebenso wie die lokalatmosphärische Bildschärfe der Frankfurtporträts von Jakob Arjouni."
(Maintal Tagesanzeiger)

„Sprachlich und psychologisch gut geschriebene(r) melancholische(r) Roman, ... atmosphä­risch dicht gelungene(s) Städteporträt...“  
(Lexikon der Kriminalliteratur)

„Gekonnt entwickelt sich ein echter Krimi mit vielen fiesen Typen. Wer gerne Krimis im Fauser-Stil liest, wird voll auf seine Kosten kommen.“
(The Punchliner, Meine)


Leseprobe:

1. Kapitel

Manche Nächte enden nie. Die beiden Zeiger meiner Armbanduhr trafen sich bei der Zwölf und schienen für immer dort bleiben zu wollen. Der Montag begann, wie der Sonntag geendet hatte. Zäh.
Mein Umsatz hatte sich schon vor Stunden der Zeit angepaßt. Anstatt stetig zu fließen, tröpfelte er nur. Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus und zündete mir eine neue an. Das Aufflammen des Feuerzeugs machte die schwarze Leere um mich herum erst richtig spürbar.
Ich griff in die Seitenablage der Fahrertür, nahm das mitgebrachte Buch heraus, schlug vorne auf und begann zu lesen: »So hat das angefangen. Ich hatte niemals was gesagt. Nie.« Kein anderes Buch, das schon in den ersten drei kurzen Sätzen so sehr den ganzen Trotz der folgenden 500 Seiten widerhallen lassen könnte. Kein anderes Buch, mit dem sich besser eine Nachtschicht teilen ließe: Louis-Ferdinand Céline, »Reise ans Ende der Nacht«. 
Die Stimme aus dem Funkgerät riß mich in die Wirklichkeit zurück.
»368!«
Ich meldete mich.
»Zur Westendstube, 368!«
Die Westendstube, ausgerechnet. Ein mieses Loch für Flaschenbiertrinker, praktisch direkt gegenüber meiner Wohnung. Ich legte das Buch weg und fuhr los.
Das alte Kopfsteinpflaster der Westendstraßen ließ den Wagen holpern. Gegenüber der Westendstube klaffte eine Baulücke in der Häuserreihe. Direkt daneben stand das Haus, in dem ich wohnte. Und neben diesem ein Haus, in dem seit einiger Zeit niemand mehr wohnte. Entmietet. Vor der Baulücke ragte ein großes Schild an zwei Holzpfosten unheilvoll in die Nacht: Stadtteilsanierung »Westend«. Hier entstehen neue Wohn- und Gewerbeflächen. Bauausführende Firma: Heilmann. Finanziert aus Sanierungsfördermitteln des Landes Hessen. Ihr Tiefbauamt.   
Noch wurde hier nicht gebaut. Dazu mußten zuerst noch ein paar Häuser fallen. Zum Beispiel das, in dem ich wohnte. Der ganze Block sollte komplett neu gebaut werden. Moderne Citywohnungen mit Zentralheizung und Doppelglasfenstern. Die Anbindung des maroden Westends an die mondäne Innenstadt. Ein Traum der Stadtväter, dessen Verwirklichung noch auf sich warten ließ.
»Hey Chef, wir wollen noch einen drauf machen«, plärrte der erste der drei Schnauzbartträger, die aus der Westendstube gefallen kamen.
»Wo isn jetzt noch was los?« wollte der zweite wissen, und der dritte gab die Richtung ihrer Gelüste vor: »Auf zu den Weibern!«
Ich musterte sie wortlos. Karohemden, verwaschene Jeans, Lederwesten und ein Alkoholpegel knapp über der »Bloß keine Diskussion«-Grenze.
»Ey Chef, sach doch ma, wo können wir denn jetzt schnell noch einen wegstecken?« setzte der Mann im Beifahrersitz nach.
»Aber machs nicht so teuer!« kam es von der Rückbank.  
»Also, am billigsten ist es im Connys, draußen in Kastel.«
»Was? Bis nach Kastel wolln wir doch nich!«
»Na, wenns in Wiesbaden bleiben soll, dann gibts nur das Crazy Sexy.«
»Was kostet denn da `ne Nummer?«
Ich haßte diese Gespräche. Alles wollten die Leute von einem wissen. Wo man die hübschesten Frauen aufreißen konnte. Was ein Wodka Lemon im Park Café kostete. Wo dieses kleine Seitensträßchen war, dessen Name sie leider auch nicht mehr wußten. Die Preise für einen Blowjob auf dem Straßenstrich, die aktuellen Ereignisse aus der Lokalpolitik, die Fußballergebnisse und das Wetter von morgen. Und wenn man mal um eine Antwort verlegen war, musterten sie einen, als hätte man in seinem Job versagt. Dabei bestand der doch nur darin, sie in der Gegend herumzufahren.  
»Ich kann euch hinfahren«, seufzte ich. »Um alles weitere müßt ihr euch selbst kümmern.«
»Na, dann fahr mal los, Chef.«
Die drei Helden der Arbeit schnippten ihre Zigarettenasche auf die Sitze und hinterließen ihren Schnapsgestank im Wagen. Nachdem ich sie auf dem Parkplatz hinter dem Crazy Sexy abgesetzt hatte, wischte ich fluchend die Sitze ab und ließ die Fenster runter. Dann zählte ich die Scheine in meinem Portemonnaie. Ein Tick von mir. Vor der Fahrt waren es 110 Mark gewesen. Mit dem Zwanziger, den ich von dem einen Helden der Arbeit bekommen hatte, mußten es nun also 130 sein. Ich zählte nach. Es waren 130 Mark in Scheinen. Was wahrscheinlich bedeutete, daß ich mir das Nachzählen hätte schenken können. Wie gesagt, ein Tick.
Die Münzen zählte ich nicht nach. Mache ich nie. Ich bin schließlich kein verdammter Erbsenzähler.
Ich setzte rückwärts aus dem Hof des Crazy Sexy, wendete und fuhr die leblose Mainzer Straße in Richtung Bahnhof. Hier gab es außer dem Puff nur Autohäuser, Werkstätten, Einrichtungshäuser, Baumärkte und HiFi-Lager, die um diese Uhrzeit geschlossen waren. Nach ein paar Metern sah ich auf dem Bürgersteig ein schwankende Rothaarige in einem glitzernden Kleid. Hatte ganz schön getankt, wie es schien.
Als ich sie überholt hatte, sah ich im Rückspiegel, daß ihr Gesicht blutverschmiert war. Sie schien Probleme zu haben, sich auf den Beinen zu halten. Ich hielt an und wartete, bis sie auf gleicher Höhe mit mir war. Sie stolperte auf ihren hochhackigen Schuhen weiter, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Sie schaffte noch etwa drei Schritte, dann fiel sie hin und blieb quer über den Bürgersteig gestreckt liegen.
Ich sprang aus dem Wagen und kniete mich zu ihr hin.
»Was ist denn passiert? Soll ich Ihnen einen Krankenwagen rufen?«
Keine Antwort. Ich faßte sie vorsichtig an und drehte sie auf den Rücken. Irgend jemand schien sie verprügelt zu haben. Das Gesicht war geschwollen, sie blutete aus der Nase. Ich schob ihr eine Hand in den Nacken und richtete ihren Oberkörper auf. Sie öffnete die Augen und sah mich an.
»Bring mich weg von hier.«
»Wohin denn?«
»Bloß weg. Schnell.«

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Im Bauch der Stadt

Letzte Aktualisierung am 31.10.2011