Alexander Pfeiffer – Lieblingslieder (Erzählungen)
Wiesenburg
Verlag, Schweinfurt 2004
ISBN 3-937101-26-8, 12,90 Euro
Zehn
Geschichten über Musik und das Leben. Über Männer und Frauen. Über
Schriftsteller, Musiker und andere alltägliche Exoten. Über das Jungsein. Über
das Älterwerden. Über das Elternwerden. Über das Sterben. Und über Lieder, die
einen bei all dem begleiten.
„Alexander Pfeiffer ist ein Autor, dem es
nicht um die vordergründige Beschreibung von Fast-Food-Erlebnissen geht, sondern
um Erfahrungen. Und damit hebt er sich wohltuend ab aus der klebrigen Masse von
Jungautoren, die mit immer banaleren Geschichten aus ihren Medienrealitäten in
immer kürzeren Intervallen von den großen Verlagen auf den Markt geworfen
werden, und denen die Selbstinszenierung um jeden Preis wichtiger ist als das
Erzählte."
(Hannoversche Allgemeine Zeitung)
„Die rituellen Musiken von einst sind die heutigen Lieblingslieder, die einem
zufallen, die sich einem in einem bestimmten Moment des Lebens beigesellen, und
die an einem haften bleiben. Wie eben solche Lieblingslieder halten Alexander
Pfeiffers Geschichten Lebensmomente fest, erzählen von Übergängen, kurzfristigen
Abirrungen, Schwebezuständen, von schmerzlichen Einschnitten und Einsichten, von
Sehnsüchten, vom gescheiterten Ausbruchsversuch, von Selbstvergewisserung und
auch vom unerwarteten Einfall des Glücksempfindens.“
(VS-Info Hessen)
„Immer ist ihm die Musik jedoch Träger, Methode oder zumindest wichtiges
Stilmittel in seiner Arbeit... Ehrlich und voll Einfühlungsvermögen in die
Situation, Mentalität und Musik einer nicht völlig ‚verlorenen‘ Generation
schildert Pfeiffer 10-mal das Leben ganz normaler und sympathischer
Individualisten.“
(ekz-Informationsdienst)
Leseprobe:
Der blaue Regenmantel
Ich hatte ihm gesagt, ich würde ihn umbringen, wenn er noch einmal meinen Weg
kreuzte. Etwas mehr als ein Jahr war das her. Er hatte sich daran gehalten.
Meine Frau erzählte, er baue nun das kleine Haus draußen im Wald, von dem er
immer gesprochen hatte. Sie erzählte, er habe keine Eile, es fertig zu bekommen.
Er habe keine Eile mehr mit irgend etwas. Es verwirrte mich, zu bemerken, das
ich ihn gerne getroffen hätte.
Meine Frau zeigte mir ein Bündel Haare, braun
mit Spuren von Grau. »Das hat er mir mitgegeben«, sagte sie. Sie sagte: »Er will
jetzt Schluß machen. Mit den Verrücktheiten. Mit den Drogen.« Sie wirkte gelöst,
friedvoll. Wie immer, wenn sie von ihm zurück kam.
Von gegenüber plärrte ein
Radio über die Straße. Ich stand auf, schloß das Fenster und setzte mich wieder.
Meine Frau malte Kreise mit dem Finger auf die Tischplatte. Sie lächelte mit
halb geschlossenen Augen. Als sie ins Schlafzimmer hinüber ging, ließ sie diese
Locke von seinem Haar auf dem Tisch liegen.
Ich öffnete das Fenster wieder,
um der Musik zuzuhören. Seine Haare auf dem Tisch waren noch grauer als ich sie
in Erinnerung hatte.
Er hatte alt ausgesehen, damals, vor etwas mehr als
einem Jahr - zum ersten Mal, seit ich ihn kannte. Sein blauer Regenmantel,
dieser Mantel, zerknittert und robust, der zu ihm gehörte wie das Grinsen, das
nur vom leicht verzogenen linken Mundwinkel getragen wurde, und die Prise
Schnee, die das Grinsen mit verläßlicher Präzision zum Vorschein brachte, dieser
Mantel war an der Schulter aufgerissen wie ein Kopfkissen, aus dem die Füllung
quillt. Er war für ein paar Tage in der Stadt und wohnte bei uns. Abends saßen
wir am Küchentisch, tranken Rotwein, er brachte sein Grinsen zum Vorschein, an
dem sich nur der halbe Mund beteiligte, und wir erzählten Geschichten von
früher, die meine Frau zum Lachen brachten. Wenn ich ihn fragte, was er tagsüber
gemacht habe, sagte er, er sei am Hauptbahnhof gewesen und habe den Zügen
nachgesehen, die nach München, Berlin, Wien und Florenz abfuhren und auf Lili
Marlene gewartet, damit sie ihn mitnehme, und auch das brachte meine Frau zum
Lachen.
Das war etwas, worin er mir immer überlegen gewesen war. Frauen zum
Lachen zu bringen. Oder auch Männer. Als wir uns kennenlernten, erzählte er mir,
er sei der letzte Nachkomme einer adligen Zigeunerfamilie, die sich ihren
Lebensunterhalt mit Diebstahl verdiente. Es war die plausibelste
Lügengeschichte, die ich bis dahin gehört hatte. Zwar hatte ich noch nie von
adligen Zigeunern gehört, aber wenn es einen gab, dann mußte es diese dünne
Gestalt mit dem windschiefen, bartstoppeligen Grinsen sein. Diese Gestalt in dem
blauen Regenmantel, von dem ich in jener Nacht noch dachte, er trage ihn, weil
es tatsächlich regnete. In jener Nacht, in der er mich in die Disziplin des
adligen Diebstahls einführte.
Sie möchten dieses Buch direkt beim Verlag kaufen?
www.wiesenburgverlag.de