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Alexander Pfeiffer (Hrsg.) – Restlicht (Social Beat-Anthologie)
Elluwahnaa Verlag, Wiesbaden 1995
ISBN 3-930820-00-5, 2,50 Euro (Restexemplare)

Zwanzig Kurzgeschichten von Jörg A. Dahlmeyer, Kersten Flenter, Michaela Seul und anderen Protagonisten der sogenannten „Social Beat"-Szene, die zum Ende des vergangen Jahrhunderts kurzzeitig Medienluft schnuppern durfte, bevor sie dem von der Branche lancierten Trend der „Popliteratur" weichen mußte. Zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen von Alexander Pfeiffer. Der Klappentext haut ordentlich auf den Putz: „Zwanzig junge Autorinnen und Autoren zerfetzen den nebligen Dunst des sterilen bürgerlichen Literaturmiefs mit Stories, die das Leben so ungeschönt und brachial wiedergeben, wie wir es Tag für Tag erleben – Social Beat!"


Leseprobe:

Vorwort


Ich verbreite hier keine Neuigkeit, wenn ich feststelle, daß sich der literarische Underground im Aufwind befindet wie selten zuvor im letzten Jahrzehnt. Die Anzahl der Kleinverlage und Literaturmagazine steigt im selben Maße wie die formale und inhaltliche Qualität der Erzeugnisse, die der Underground hervorbringt. Während die etablierten Verlage mehr und mehr verflachen, zwischen verstiegenem Gedankenbrei fürs Bildungsbürgertum und abgeschmacktem Kitsch für die „fernsehverwöhnten" Massen das Kontingent an guter, lebensnaher Literatur konsequent zusammenstreichen, bis nur noch ein paar seit Jahrzehnten etablierte Namen wie Hemingway, Miller, Hamsun, etc. übrigbleiben, erscheint die junge, aufmüpfige Literatur unserer Tage in Kleinverlagen, welche ihre Erzeugnisse dank der mafiamäßigen Methoden des Buchhandels nicht in die Regale der Buchläden kriegen. Dieser Zustand ist zwar bedauernswert, aber nicht tragisch. Er bedeutet für diejenigen, die Bücher suchen, aus denen ihnen das pralle Leben entgegenspringt und die einen konkreten Bezug zu ihrem alltäglichen Leben in diesem unserem Lande mit all seinen Unverhältnissen haben, lediglich, daß sie sich ihren Lesestoff auf unkonventionellere Art beschaffen müssen.
Glücklicherweise gibt es mittlerweile mit dem Literarischen Informationszentrum in Bottrop, dem D.L.R.-Versand in Mainz, Rodney's Underground Press in Bochum und Love & Piss in Berlin gleich vier größere kompetente, gutsortierte und preiswerte Versandbuchhandlung. Zudem bieten sämtliche kompetenten Kleinverlage wie ARIEL (Essen), CRACKED EGG (Eberbach), DEAD MONKEY (Berlin) oder der VERLAG ROBERT RICHTER (Hanau) ihr Programm zu mehr als günstigen Versandpreisen an.
Die Devise ist damit klar: Wenn der letzte Besuch in der Buchhandlung einmal mehr nicht interessanter war als die 500. Folge der „Lindenstraße", nicht verzagen. Wer nur tief genug gräbt, wird sie finden, die Schätze der zeitgemäßen Literatur!
Das Zauberwort heißt SOCIAL BEAT. Unter jenem Slogan haben sich mittlerweile die besten und ambitioniertesten der Underground-Schreiber zusammengefunden. Und bei dem Tempo und der Lebhaftigkeit, mit der sie einem ihre Texte um die Ohren hauen, laufen vergreiste Uni-Professoren und Altphilologen, die ihren Lebtag nur Grass und Walser konsumiert haben, Gefahr, einem Herzinfarkt zu erliegen. Eine Universität haben nämlich die allermeisten dieser AutorInnen nur selten von innen gesehen. So ist ihnen glücklicherweise auch die intellektuelle Deformierung ihres Stils und ihrer Themen erspart geblieben. Ihre Themen holen sie sich von der Straße und aus dem alltäglichen Leben. Ihr Stil wird geprägt vom Rhythmus unserer Zeit und der Sprache der Gegenwart. So entstehen Texte von unverblümter Ehrlichkeit und drastischer Wirklichkeit, die das Medienbild vom keimfreien, duftig-weichen, bis ins Letzte abgesicherten Leben in Null-komma-Nichts in Fetzen reißen und ihm Beschreibungen der Mühen, der Wirrnisse, der Absurditäten und Abscheulichkeiten, aber auch der Höhepunkte des Alltags entgegensetzen.
Die Schulen, durch die die Social Beat-Autoren gegangen sind, heißen Punk oder RocknRoll oder Blues oder Suff oder Obdachlosigkeit oder Drecksarbeit oder Wahnsinn oder Liebe oder Exzess oder, oder, oder,... - es ist die Schule des Lebens, die diejenigen formt, die sich auf das Leben einlassen. Und derer gibt es glücklicherweise, allen Unkenrufen zum Trotz, immer noch ein paar. Während in den meisten Zimmern und Wohnungen und Häusern dieser angeblich geeinten Republik sämtliche Lebenslichter längst erloschen sind und sich Resignation und Lethargie und Gleichförmigkeit breit gemacht haben, leuchtet aus den Fenstern vereinzelter billiger Buden und Absteigen doch noch Licht. Das Restlicht unserer Zivilisation, das sich noch eine ganze Weile weigern wird zu verlöschen. Hier sitzen die paar "Bekloppten", die es wagen, gegen die Eintönigkeit des Lebens - so wie es sich in der Scheinrealität der Masse darstellt - anzuschreien, vor ihren Computern und  Schreibmaschinen und lassen das Restlicht lodern und Funken schlagen.
ELLUWAHNAA vereint in dieser Anthologie zwanzig dieser Autoren. Zwanzig Stories, gebündeltes Restlicht. Die Palette reicht von apokalyptischen Visionen, über Suff, Sex, Gewalt, Science Fiction und Horror bis zur Liebesgeschichte. All das hart an der Realität geschildert. Definitiv mehr Leben als jedes Reality-TV!


Alexander Pfeiffer
August 1994

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Restlicht

Letzte Aktualisierung am 31.10.2011